Dienstag, 11. September 2012

Kairo: Nepper, Schlepper, Tourifänger

Nachdem wir aus Istanbul mit achtstündiger Verspätung um ca. 22:00 Uhr dann doch weggekommen sind, kamen wir um Mitternacht in Kairo am Flughafen an. Oberstes Ziel war nun nicht gleich den berüchtigten und nicht weniger penetranten Schleppern in die Hände zu laufen. Ich sach ma so: hat nicht geklappt. Weil wir wirklich hundemüde von der mittlerweile 15stündigen Anreise waren, beschlossen wir kurzerhand, irgendwie ein Taxi zu finden und nicht mit öffentlichem Nahverkehr und dreimaligem Umsteigen mitten in der Nacht zum Hotel zu kommen. Wir sind dann auch gleich einem „offiziellen“ Flughafenmitarbeiter in die Arme gelaufen, der sich rührend um unser Wohl sorgte ;)



Man bekommt nämlich gleich am Flughafen mächtig eingebläut, dass man auf sein Hab und Gut besonders Acht geben muss, wegen Dieben und der ganzen bösen Abzocke hier. Der Mann brachte uns zu ´nem anderen Mann, der, wenig überraschend, versuchte, uns gleich mal ´ne Vier-Tagestour zurecht zu basteln, die es für uns natürlich zu einem „Special Price“ geben würde. Nach mehrmaligem Ablehnen wurde dann der Tonfall meinerseits vehementer und wir bekamen unser versprochenes „offizielles Taxi“. War natürlich kein Taxi, sondern wiederum irgendein Cousin, der uns mit ´nem normalen Auto fuhr. War uns aber wurscht, solange wir ins Hotel kommen würden. Was sich dann auf den Straßen unseren Augen bot, war erst mal schwer zu verarbeiten. Ein heilloses Durcheinander mit einer immensen Lautstärke, viel Dreck und unübersichtlichem Gewusel. Deshalb werden wir uns mit dem Thema Verkehr in Kairo nochmal in einem gesonderten Eintrag beschäftigen.

Chephren- und Cheopspyramide aus Hotelzimmer
Am nächsten Morgen ging‘s dann die 5 Kilometer weiter zu den Pyramiden. Am Eingang zur Sphinx waren wir natürlich sehr darauf bedacht uns nicht anquatschen zu lassen. Blöd nur, dass die „Offiziellen“ da mit den „Inoffiziellen“ zusammen arbeiten und man praktisch keine Chance zum entkommen hat. So gab der Ticketverkäufer nicht uns die gerade erworbenen Eintrittstickets, sondern Jamal, einem gefühlt hundertjährigen Mann, der uns ein klein wenig rumführte und uns dabei einige Dinge erzählte.

Jamal, unser "Guide"
Ältere Menschen respektiert man ja auch gleich mal `n bissl mehr, so dass er uns ganz glaubwürdig rüberkam. Naja, gewundert habe ich mich dann schon, dass im Abstand von ein paar Metern immer ein junger Kerl hinter uns her kam, der eine Kamelpeitsche in der Hand hielt. Irgendwann eröffnete uns Jamal dann seine unverschämten Preisvorstellungen, die Dani dann zum Glück noch auf eine kleinere Abzocke runter verhandeln konnte – trotzdem noch viel zu viel und hochgerechnet auf eine Stunde hätte Jamal damit selbst in Deutschland noch gut verdient.

Vor der Cheopspyramide

Nachdem wir uns losgeeist hatten und alleine weitergingen, bezirzten uns im Minutentakt sämtliche Händler, sowie Kamel- und Pferdeführer, um uns allerhand anzupreisen und mitzuteilen, dass alle anderen hier sehr schlecht seien und man unbedingt gut aufpassen müsse. Als gebe es keinen Morgen umzingelten uns immer wieder neue Männer aber auch Kinder mit den irrsinnigsten Touriabzockstrategien. Absagen werden hier auch nach dem tripzehmillionensten Mal noch nicht ernst genommen, zu erkaufende Gegenstände werden einem einfach zwischen Ellenbogen und Körperseite gesteckt. Nach ca. 30 Händlern ging mir dann das deutlich unfreundliche, mit Scheuklappen unterstützte „no, never“ auch leichter über die Lippen. Dem Dani fiel es weiterhin schwer. Er hat uns ja durch seine liebenswürdige gutgläubige Grundstimmung den Aasgeiern da quasi zum Fraß vorgeworfen. Ich immer so: „Nein Dani, nicht anquatschen lassen, der will auch nur was verkaufen“. Dani schon lächelnd mitten im Gespräch, sich dann wundernd, warum die Typen immer aufdringlicher werden und das eben noch geschenkte Geschenk plötzlich bezahlt werden soll.

Dani mit Kameltreiber
Dani mit "Geschenk" auf dem Kopf

Noch ein Wort zu den Händlern. Meist lief die Kontaktaufnahme so ab.
“My Friend, where are you from?”
 -“Germany”
“Oh Germany, very nice. Where?”
-“Near Frankfurt”
“Oh nice, I lived/studied two years in Hamburg. Wie geht es Ihnen? Guuten Taag!”
oder „I have brother/cousin/uncle in Hannover!“

Wenn die Auswahl der Händler repräsentativ war, dann müsste ganz Hamburg und Hannover voll von Ägyptern sein. Liebe Ägypter, dass ihr in Hamburg gelebt habt, kann man ja noch nachvollziehen. Aber was zur Hölle macht ihr alle in Hannover???

Viele der Händler mussten aber auch gar nicht erst nachfragen, woher wir kommen, sondern haben `nen Riecher für die Nationalität. Könnte aber auch sein, dass uns die deutsche Pünktlichkeit zum Verhängnis wurde und die sich früh morgens denken „Ah, die Deutschen sind ja immer die ersten, die erkennen wir ganz leicht.“ War am Morgen außer uns nämlich tatsächlich kaum jemand da, weshalb die sich auch alle auf uns stürzten.

"Hey, I have present for you"
"Very nice. Like real arabian man"
"You can have it for some pounds."
"Show me your wallet. I help you"

Nepper gibt es überall, wo Heerscharen an Touristen auftauchen. Dort, wo das Arm-Reich-Gefälle groß ist, gibt es nochmal mehr. Aber so krass wie hier (und etwas abgeschwächter auch in Downtown Kairo) haben wir es noch nirgends erlebt. In Indien soll es aber noch krasser werden ;-)

Die Pyramiden...
und der Anblick der Sphinx entschädigte dann aber für so manches Erlebte. Wir konnten uns an den beeindruckenden Bauwerken kaum sattsehen, immer im Hinterkopf, dass diese unfassbar großen Steine vor 4500 Jahren da hoch transportiert wurden. Teilweise kamen die 3 Meter langen Granitblöcke aus dem ca. 700 km entfernten Luxor! Sehr versöhnt genossen wir die Ausblicke aus sämtlichen Perspektiven. Wundervoll. Damit haben wir jetzt alle noch heute existierenden der 7 Weltwunder der Antike gesehen (es sind nämlich nur noch die Pyramiden übrig) - und können uns jetzt den Weltwundern der Neuzeit widmen ;-)







Kairo...
wurde uns von mehreren Personen als Moloch beschrieben – das trifft es wohl auch ganz gut. Es hat zwar schöne Stellen, aber der Großteil der Häuser ist grau und baufällig, in der Stadt herrscht ständig Smog. In der islamischen Altstadt fiel beim Blick von einem Turm auf, dass viele Häuser mit Schutt bedeckt sind und Risse haben – die Folgen eines Erdbebens von 1992! Seitdem ist dort nicht viel repariert worden, die Wut –gerade der alten Menschen- auf Mubarak ist noch überall spürbar. Mitten auf dem Tahrirplatz haben die Revolutionäre einen Galgen aufgestellt – ein klares Zeichen, welche Strafe sie für Mubarak fordern.

Nachwirkungen eines Erdbebens vor 20 Jahren
Sultan al-Muayyad-Moschee vom Bab Zuweila-Turm
Nil
Brücke zum Tahrirplatz
Tahrirplatz
Beeindruckend fanden wir das ägyptische Museum, auch wenn es mit über 120000 Ausstellungsstücken total überladen ist und erst ein Museumsführer unsere Eindrücke etwas ordnen konnte. Insgesamt ist Kairo eine sehr anstrengende Stadt. Dauernd wird man angequatscht, es ist laut und schmutzig. Umso schöner war die Lage unseres Hostels auf der Dachterrasse eines Wohnhauses, wo man sich dem Großstadtgewusel etwas entziehen konnte.

Ägyptisches Museum
Bedeutendstes Ausstellungsstück: Maske des Tutanchamun
Unser Hostel
PS: Beim Blogaward von weg.de haben wir es in die Endausscheidung geschafft. Bitte votet nochmal alle kräftig hier.

Kommentare:

  1. Hallo Ihr beiden!
    Ich wurde eben ein klein wenig rückversetzt in meinen (wunderbaren) Ägypten-Urlaub 1995. Auch damals haben schon alle über Kairo gestöhnt, und ich muss sagen, das ging mir und meiner Schwester nicht ganz so, wir fanden es ziemlich toll und sind die "Nepper & Schlepper" immer sehr einfach losgeworden. Ich vermute, das lag daran, dass wir erstens zwei Frauen waren und zweitens irgendwie den richtigen Ton getroffen haben. Die Leute haben sich immer sehr schnell auf andere Touris gestürzt. Und da, wo wir uns haben bequatschen lasen, haben wir fantastische Erlebnisse gehabt, z.B. im Luxortempel eine Privattour in sonst verschlossene Gebäude, wo der Typ uns tatsächlich korrekte historische Geschichten erzählt hat (konnten wir hinterher nachlesen) und Statuen gezeigt hat. Ich hoffe, Ihr könnt Euch noch etwas aklimatisieren, sonst ist das sicher sehr anstrengend.
    Und: Soo baufällig habe ich das nicht in Erinnerung. Vielleicht ist weniger das Erdbeben schuld als der Umstand, dass die Leute keine aufs Haus Steuern zahlen müssen, wenn das Haus nicht fertiggestellt ist. Deshalb gabs damals immer ein unfertiges Oberstes Stockwerk. Und diese fallen vielleicht inzwischen einfach zusammen? Bin mir nicht sicher, aber das wäre auch noch eine Erklärung.
    Auf jeden Fall klingt das sehr spannend und ich wünsche Euch noch ganz viel Spaß!

    Und nicht vergessen, wenn Ihr versucht, über die stark befahrene Straße zu gehen: "Walk like an Egyptian." :-))

    /inka

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  2. Hahaha, das kann ich mir so gut vorstellen wie Daniel, so gutmütig wie er eben ist, sich alles aufschwätzen lässt ;)

    Spätestens hier hätte ich schon das erste Problem gehabt und zwar vohin mit den ganzen Souvenirs ;)

    Viel Spaß euch beiden noch

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    1. Hi Toffer,
      beim Anblick der Sphinxen und Pyramiden aus Holz an all den Ständen hab ich tatsächlich immer an Dich gedacht ;-)
      LG

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